Klimawandel: „Chemnitz ist längst ein Weinanbau-Gebiet“

veröffentlicht: 28.06.2007

Jahresmittel der Lufttemperatur stieg um 1,6 Grad im 20. Jahrhundert – Auf Versuchsfeldern gedeihen Pinien und Zypressen

VON SWEN UHLIG

CHEMNITZ - Die Jahresdurchschnittstemperatur in Chemnitz ist seit Anfang der 1990er Jahre deutlich angestiegen. Meteorologen bestätigen: Der Klimawandel ist längst da. Die Folge: In der Stadt gedeihen Pflanzen, die man bisher nur vom Mittelmeer kannte. Selbst bestimmte Rebsorten fänden hier zu Lande mittlerweile gute Bedingungen vor.

Das Wetter in Chemnitz nähere sich immer mehr dem von traditionellen Weinbauregionen wie Oberitalien oder dem Oberrheingraben an, sagt Geoökologe Matthias Helbig. So seien die Winter in den vergangenen 20 Jahren deutlich milder gewesen als früher. Lang anhaltende Kälteperioden gebe es seltener. Hingegen verzeichnen Wetterforscher eine Zunahme warmer Hochdruckwetterlagen im Frühjahr, Sommer und Herbst. Dies gelte auch für Hitzewellen und Dürrephasen. Die Durchschnittstemperatur von Chemnitz stieg im 20. Jahrhundert um 1,6 Grad; derzeit liege sie bei 9,6 Grad. Helbig: „Das ist enorm.“

Der 26-jährige Eubaer weiß, wovon er spricht. Gerade hat er sein Geoökologie-Studium an der Bergakademie Freiberg beendet. Für seine Belegarbeit hat er Temperaturreihen und Wetterdaten von Chemnitz ausgewertet. Sein Fazit: „Überall wird gesagt, der Klimawandel kommt. Dabei ist der längst da.“ Allerdings will Helbig die Erwärmung nicht als Horrorszenario verstanden wissen, sondern als Chance.

Geoökologe Matthias Helbig auf dem Versuchsfeld im Botanischen Garten Chemnitz
Geoökologe Matthias Helbig auf dem Versuchsfeld im Botanischen Garten Chemnitz

Der Klimawandel sei für Sachsen nichts Schlechtes an sich, erklärt er. Gerade der Landwirtschaft böten sich Möglichkeiten, Erträge zu sichern. Wärmebedürftige Kulturpflanzen erhielten bessere Wachstumsbedingungen. Zum Beispiel Wein. „Chemnitz ist längst ein Weinanbau-Gebiet. Es wissen nur die wenigsten“, so Helbig. Bestimmte Rebsorten wie Müller-Thurgau oder Riesling könnten in der Stadt gute Erträge bringen. Helbig: „In meinem privaten Garten haben ich einen Weinstock der Sorte Dornfelder. Der trägt jedes Jahr zwei bis drei Kilogramm Trauben.“

Der 26-Jährige will den Chemnitzer Kleingärtnern auch Anstöße geben, etwas Neues zu probieren. Im Botanischen Garten hat er gemeinsam mit dem Waldjugend-Verein ein etwa 15 Quadratmeter großes Versuchsfeld angelegt. Dort gedeihen mittlerweile Mittelmeer-Zypressen, Pinien, Strandkiefern und Mittelmeer-Eichen. „Die Pflanzen haben wir aus Norditalien mitgebracht“, erzählt er. Lediglich Palmen könnte man bislang noch nicht uneingeschränkt im Freiland über den Chemnitzer Winter bringen. „Dattelpalmen haben eine Frosthärte von minus 8 Grad. Das reicht noch nicht“, sagt der Geoökologe.

Helbigs Beobachtungen bestätigt auch Thomas Endrulat, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst. „Die Jahresdurchschnitts-Temperaturen in Sachsen sind seit 1990 rapide angestiegen“, sagte er der „Freien Presse“. „Markant ist“, so Endrulat, „auch früher gab es einzelne Jahre, die deutlich wärmer waren. Seit 1990 aber ist jedes Jahr ein Ausreißer nach oben – und das ist wirklich erstaunlich.“