Der Waldretter

veröffentlicht: 08.04.2021

Der Fichte ist nicht mehr zu helfen. Vorm Klimawandel kapitulieren nun auch Buchen. Können neue Arten den Wald in Deutschland retten? Ja, sagt einer, der damit einst in Chemnitz begann.

VON FRANK HOMMEL

CHEMNITZ – Dieser Weg wird kein leichter sein. Jedenfalls dann nicht, wenn es der steile Weg hinauf in den Garten von Matthias Helbig ist. Vor gar nicht allzu langer Zeit standen hier oben noch jede Menge Fichten. Die meisten davon sind verschwunden. Oft erinnern nicht einmal mehr Stümpfe an sie. Das Ende des Waldes, wie wir ihn kannten, ist eingeläutet. So überblickt man das weite Land. Das Erzgebirge streckt seine Höhenzüge nach Norden hin aus, als wären es raffgierige Finger. Der Wind schabt an den Knochen wie die Zunge einer zerzausten Katze. Grün aber ist die Hoffnung. Es ist das Grün einer Reihe buschartiger Bäume. Es handelt sich um Steineichen. Auch über den Winter haben sie ihre Blätter nicht abgeworfen. Als bedurften sie eines dicken Mantels. Eigentlich sind die knorrigen Gewächse rund ums Mittelmeer zu finden. Dort trotzen sie Sommern, heiß und trocken wie finnische Saunas kurz vorm Aufguss. Diese Gewächse könnten, davon ist der Mann, der sie gepflanzt hat, überzeugt, die Rettung der einheimischen Wälder sein. Es spricht vieles dafür, dass er damit alles andere als falsch liegt.

Der Mann heißt, wie gesagt, Matthias Helbig. Er kommt aus Euba am Rand von Chemnitz und ist studierter Geoökologe - einer Wissenschaft, die erforscht, wie Mensch und Umweltsysteme sich gegenseitig beeinflussen. Umweltsysteme wie: der Boden, der Wald, das Klima. Dass der Mensch insbesondere letzteres nachhaltig beeinflusst, das beobachten nicht nur Meteorologen immer nervöser. Das durch Nutzung fossiler Energieträger in der Atmosphäre freigesetzte Kohlendioxid verstärkt den natürlichen Treibhauseffekt. Als würde man an die Scheiben eines gläsernen Gewächshauses noch eine dicke Plastikfolie pappen. So jagt ein Temperaturrekord den nächsten, bleiben Niederschläge immer weiter hinter den langjährigen Durchschnittswerten zurück, trocknen die Böden zusehends aus. Das Umweltforschungszentrum Leipzig dokumentiert die Situation im Land auf dem Dürremonitor. Der Blick darauf erinnert an den TV-Werbespot aus den 80er-Jahren mit dem Färbetest von Blendax Antibelag: alles rot. Der Monitor hat zwar auch weniger grelle Farben, doch nur für leicht geringfügigere Grade der Trockenheit.

Als Matthias Helbig noch studierte, war die Bedrohung durch den Klimawandel längst geläufig unter Wissenschaftlern, erzählt er. Damals seien aber manche noch skeptisch gewesen: "Die Temperaturreihen zeigten zwar nach oben, bewegten sich aber noch in einem Bereich, der auch eine natürliche Schwankung hätte sein können." Zudem erschien es so, als würde die Globaltemperatur zwischen 1998 und 2015 stagnieren. Helbig erklärt das mit der "Pufferwirkung" der Ozeane: "Eine Zeit lang können die Wassermassen überschüssige Wärmeenergie, die auf den menschgemachten Anteil des Treibhauseffektes zurückgeht, aus der Atmosphäre aufnehmen. Aber wenn sie diese später bei Wetterphänomenen, wie dem El-Nino-Ereignis im Pazifik von 2015 bis 2016, teilweise wieder abgeben, steigen die Lufttemperaturen weltweit weiter an. Es werden dann neue Hitzeextreme verzeichnet. Längst lassen sich diese Ausschläge nicht mehr mit natürlichen Schwankungen erklären." Matthias Helbig hat selbst die mittlere Jahrestemperaturen für Chemnitz anhand historischer Zeitreihen für mehrere Jahrhunderte rekonstruiert. "Was wir jetzt erleben, ist beispiellos", sagt er. "Die Werte gehen durch die Decke. das ist seit 2015, 2016 nicht mehr von der Hand zu weisen."

Matthias Helbig hält Mobiltelefon. Das Display zeigt ein Klimadiagramm des Zeitraumes 1750 - 2021 für Chemnitz
Die Temperaturkurve zeigte zuletzt für Chemnitz steil nach oben

Ihn selbst hatte schon lange das Gefühl beschlichen, es könnte etwas auf die Menschheit zukommen. Und ihre Umwelt. Zum Beispiel die Wälder. Und so überlegte er schon 2006, es in seinem Garten mit Steineichen zu probieren. Helbig fuhr zum Gardasee, kraxelte auf Hügel, von denen er wusste, dass dort die Temperatur gelegentlich unter null Grad fällt. "Die Herkunft der Bäume ist wichtig", sagt er. "An Frost sollten sie gewohnt sein." Er buddelte Triebe aus, sammelte Eicheln ein, zog die ersten Pflänzchen im Topf und setze sie schließlich in seinen Garten um. Heute sind sie buschig und bis zu vier Meter hoch. Schneefall, tiefen Frost, die extreme Trockenheit 2018 - all das haben die Pflanzen gut verkraftet.

In der Zwischenzeit hat der Sachsenforst seine Fichten in vielen Lagen aufgegeben. Wegen ihres geraden, schnellen Wuchses prägten sie jahrzehntelang die Landschaft. Nun setzt ihnen wegen der flachen Wurzeln die Trockenheit massiv zu. Sie macht die Fichten anfällig für Borkenkäfer-Attacken. gesunde Bäume wehren sich gegen die Plagegeister, indem sie sie mit Harz verkleben. Von Trockenheit gezeichneten Bäumen gelingt das nicht mehr. Im Nu bringen die Käfer einen Baum zur Strecke. Dann ab zum nächsten. In der Wärme gedeihen sie auch noch prächtig. So gerieten die letzten Jahre zum großen Fressen für die Brut. Goodbye, Fichte. Ein Gegenmittel gibt es nicht. Allenfalls bremsen die Forstleute mit Axt und Säge die weitere Ausbreitung der Käfer.

Zudem sorgen Wettereskapaden zu wachsenden Bruchschäden. Seit Oktober 2017 fielen in Sachsens Wäldern fast neun Millionen Kubikmeter Schadholz an, schreibt der Sachsenforst. Auf einem 3-D-Diagramm stellt die Behörde das Ausmaß der Waldschäden der letzten 18 Jahre dar. Gegenüber der zeit zuvor türmen sich die Balken der letzten Zeit im Diagramm auf wie der Himalaya vor der Tiefebene des Ganges. Und längst sind nicht mehr nur Fichten betroffen. Inmitten des Tharandter Waldes, zwischen den Ortschaften Dorfhain und Hartha, steht Sven Wagner vor einer Kiefer legt den Kopf in den Nacken. Wagner ist Professor für Waldbau in Tharandt. Der traditionsreiche Standort für Forstwissenschaft wurde 1809 von Johann Heinrich Cotta, dem berühmtesten Vordenker seiner Zunft, gegründet und gehört heute zur TU Dresden.

Matthias Helbig hält Zweig einer Steineiche im Garten
Matthias Helbig hat schon 2006 in seinem Garten Steineichen angepflanzt

Mit dem Tharandter Wald haben die Wissenschaftler ein ausgedehntes Studienfeld vor der Haustür. Wagner lehrt und forscht hier seit zwei Jahrzehnten. Immer wieder kommt er an der Kiefer vorbei. Er hat sie irgendwie ins Herz geschlossen. Ihr Alter schätzt er auf 120, 130 Jahre. Imposant wirkt sie mit den langen und der lichtdurchlässigen Krone. Doch in halber Höhe des Stamms schält sich großflächig die Rinde. Borkenkäfer. Drei bis fünf Jahre, länger gibt der Professor dem Baum nicht mehr. Sogar vor der Buche macht der Klimawandel nicht halt. Erst vor wenigen Wochen ließ der Waldzustandsbericht der Bundesregierung aufhorchen. Bei mehr als der Hälfte der Buchen hatten die Prüfer deutliche Kronenverlichtung festgestellt. Wagner kann sich noch an die Zeit erinnern, als die Wälder schon einmal unter Druck standen. Es waren die 1980er-Jahre, die Zeit des Sauren Regens. Damals entstand der Begriff des Waldumbaus. Der Fichte stellte man Buchen und Weißtannen zur Seite. Wagner: "Das reicht heute längst nicht mehr."

Aber wie lassen sich die Wälder retten? Es ist eine Wette auf die Zukunft. Eine Wette, die heute abgeschlossen werden muss, aber erst in Jahrzehnten eingelöst werden kann. Denn es dauert, bis ein Wald herangewachsen ist. Konzepte gibt es. Aber welches funktioniert wo? Das weiß man erst, wenn man es ausprobiert hat. Und es hängt auch davon ab, wie sich das Klima weiter entwickelt. Wie Aktienhändler an der Börse streuen die Förster die Risiken im Wald, pflanzen verschiedene Arten für verschiedene Bedingungen. Der Freistaat Sachsen hat eine neue Förderrichtlinie beschlossen, um die Vielfalt im Wald zu stärken und das Ökosystem robuster zu machen. Zu dieser Vielfalt gehören Berg- und Spitzahorn, Eiche, Hainbuche, Winterlinde, Birke, Vogelbeere, Weißtanne, Kiefer, Lärche.

Als Matthias Helbig damals mit den Steineichen anfing, gab es einen kleinen Artikel in der Zeitung, erzählt er. Mancher Experte belächelte ihn. Steineichen, hieß es, seien gut für Portugal und die Türkei, dem erzgebirgischen Winter aber nicht gewachsen. Längst zieht Helbig Nachkommen, die er auch verkauft.

Das Konzept, einheimische Wälder mit fremden Arten aufzuwerten, ist gleichwohl alles andere als neu. Bislang suchten die Forstleute vor allem in Nordamerika, also in ähnlichen Breiten. es ging und geht nicht zuletzt um wirtschaftliche Ziele: Die Bäume sollen rasch wachsen und gutes Holz liefern. So wie die Douglasie. Professor Wagner lenkt seinen Wagen noch ein Stück tiefer in den Tharandter Wald hinein. Auf einem ein Hektar großen Areal stehen mehrere Dutzend Exemplare, vor über hundert Jahren gepflanzt. da und dort zeigt Wagner auf Esskastanien. Die vermehren sich hierzulande schon auf natürliche Weise. Kein Förster muss sie setzen. Das ist aber auch ein Grund dafür, dass dem Eintrag fremder Arten vielfach mit Skepsis begegnet wird.

Wagner erzählt von der Spätblühenden Traubenkirsche, die vor langer Zeit wie die Douglasie über den Großen Teich geschafft wurde. Einst erhofften sich die Forstleute von ihr guten Wuchs und schönes Holz. Inzwischen nennen sie die Art auch Waldpest - wegen unkontrollierter Ausbreitung, der Verdrängung anderer Arten und der Schwierigkeit, sie wieder loszuwerden, wenn sie es sich erst bequem gemacht hat. Dennoch: Bei der Rettung der Wälder Hilfe von außen von vornherein auszuschlagen ist riskant. Auf Konferenzen tauschen Experten ihre Meinung aus. Bei diesen Gelegenheiten spricht sich Vera Holland von der Goethe-Uni Frankfurt dafür aus, nicht nur nach Amerika zu schauen. Die dortigen Bäume, sagt sie, passen nicht immer zum einheimischen Ökosystem. So fällt es hierzulande Bodenorganismen schwer, die Blätter der ebenfalls aus Amerika herangeschafften Roteichen zu zersetzen. Folge: Unter diesen Bäumen herrscht biologische Ödnis.

Holland plädiert stattdessen für den Blick Richtung Mittelmeer. Von dort, sagt sie, würden die Arten auch natürlicherweise nach Mitteleuropa wandern. Nur dauere das wegen der Barriere der Alpen, der intensiven Landnutzung und der langen Wachstumszeit länger, als der Klimawandel Zeit lasse. Für den Wald ist es High Noon, zwölf Uhr mittags. Zu der Zeit, als Matthias Helbig seine Eicheln am Gardasee zusammenklaubte, legte Vera Holland im Stadtwald Frankfurt eine Versuchsfläche an, um wissenschaftlich zu dokumentieren, wie mediterrane Arten dort zurecht kommen. Sie pflanzte Steineichen, aber auch andere Eichenarten wie Zerr- und Flaumeichen. Je nach Bedingungen, sagt sie, sind diese Arten sehr gute Ergänzungen für einheimische Bestände. Jetzt schon, oder im Fall der Steineichen spätestens in wenigen Jahrzehnten. Ganz junge Steineichen-Triebe seien zwar strengem Frost gelegentlich erlegen. Aber im nächsten Jahr recken sich neue in die Höhe. Hat der Baum drei, vier Jahre überstanden, machen ihm auch ein paar Grad minus nichts mehr aus.

Wunder bewirken auch die Mittelmeergewächse nicht. Als Waldbau-Professor ist Sven Wagner Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat des Nationalparks Harz. Nirgendwo sonst in Deutschland ist das Waldsterben der letzten Jahre beklemmender zu beobachten. Kilometerweit marschieren Wanderer durch Ödnis, zu Millionen stehen tote Fichten links und rechts Spalier. Die Nationalparkverwaltung setzt darauf, dass sich am Boden auf natürliche Art und Weise ein neues, gesünderes und überlebensfähiges Ökosystem ausbildet. Die toten Bäume aber haben ihre Funktion als Wasserspeicher eingebüßt. Bleibt in den Frühjahren dort der Regen aus, wird kein neuer Trieb heranwachsen können. Letzteres betrifft nicht nur den Harz. "Bei dem Schnee in diesem Winter haben viele Forstleute aufgeatmet", sagt Wagner. Ihre Anspannung wird in den kommenden Jahren womöglich nicht geringer sein.